Warten auf ein «Miracolo a Locarno»

Wunder geschehen. Jedenfalls im Märchen: Der vor einem Jahr im «Magazin» erschienene Artikel über das geschlossene Grand Hotel Locarno, das 1875 erbaut wurde, in dessen Park 1946 das Filmfestival von Locarno gegründet und 1925 die Verträge von Locarno unterzeichnet worden waren, wurde auch von einem Millionär gelesen. Einem Multimillionär aus der Deutschschweiz.

Anita Hugi, Tages-Anzeiger, 8. August 2008

Der Mittsechziger stammt aus einer Unternehmerfamilie und kennt das Belle-Epoque-Hotel aus Kindertagen, als er mit seinen Eltern dort abgestiegen war. Der Artikel entfachte in ihm offenbar eine echte Leidenschaft für das Hotel. Gut für das Hotel – denn bis heute steht es, entgegen anders lautenden Meldungen, nicht unter Denkmalschutz. Es ist deshalb nicht vor Abbruch gefeit. Und schon gar nicht vor Feuer. Für das Grand Hotel Lugano und das Grand Hotel Brissago ist so das Ende gekommen. Für das Grand Hotel Locarno jedoch könnte nun alles anders werden. Seine Zukunft könnte beginnen. Und Bideau’schen Glamour für den Schweizer Film gäbe es noch gratis obendrein. Denn der Multimillionär aus der Deutschschweiz hat konkrete Pläne. Sein exklusives Kaufrecht dauert bis Ende Dezember 2008. Das Hotel könnte bereits 2011 wieder öffnen.

Schweris Träume
Der Millionär aus der Deutschschweiz heisst bekanntlich René Schweri. Er kann rechnen – und will das Grand Hotel trotzdem erhalten. Der Kaufpreis beträgt rund 20 Millionen Franken, der Renovationsaufwand dürfte weitere 20 bis 40 Millionen betragen. Für den Verkauf von Denner an die Migros erhielt die Familie Schweri mehrere Hundert Millionen Franken. René Schweri verfügt also über das nötige Kapital. Dass auch die Credit Suisse am Grand Hotel als Investitionsobjekt interessiert gewesen sei, spricht dafür, dass das Gebäude kein schlechter Kauf ist. Gemäss René Schweri soll das Haus als Grand Hotel erhalten bleiben und nicht nur der reichen Klientel zugänglich sein. Auf der Bergseite des Hotels soll ein Wellness-Bereich entstehen, darunter Parkplätze. Auf der Seeseite in den Kellergewölben sind bis zu 4000 Quadratmeter multifunktionaler Kongress- und Eventraum geplant. Der Park mit seinen exotischen Pflanzen bleibt erhalten. An die Stelle des Tennisplatzes sollen zwei Neubauten mit Appartements treten. Für diese will René Schweri einen Architekturwettbewerb ausschreiben, was konsequent erscheint in einem Kanton der Architekten. Weiter will Schweri einen Raum für Kunstausstellungen. Dafür ist er mit einem Kulturschaffenden aus dem Umfeld des Clubs in der ehemaligen Toni-Molkerei Zürich im Gespräch.

Das Grand Hotel könnte, wenn mit den Bewilligungen alles nach Plan verläuft, bereits im Jahr 2011 wieder eröffnet werden. Mit dem neuen Präsidenten des Filmfestivals, Marco Solari, besteht bereits Kontakt. Schweri möchte dereinst im Park, in dem das Festival gegründet und bis Anfang der 1970er-Jahre openair durchgeführt wurde, alle Siegerfilme der letzten Jahrzehnte zeigen. Das alles entscheidet sich in diesen Tagen. Eigentlich schon bis Ende Juli nämlich sollte Locarnos Nachbargemeinde Muralto, auf deren Boden das Gebäude steht, entscheiden, ob Schweri seine Träume realisieren kann. Die Rettung des Grand Hotels steht und fällt mit der Frage, wie hoch die Arkaden vor dem Hotel aufgestockt werden dürfen. Diese Hotelarkaden waren, wie auch das Areal, auf dem ein mehrgeschossiges Auto-Silo (Parkhaus) steht, von den Besitzern schon früher an Dritte verkauft worden. Heute ist in den Arkaden unter anderen McDonald’s untergebracht. Ohne einen garantierten freien Blick auf den See ist die Erhaltung des Grand Hotels für Schweri nicht realistisch.

Interessent mit Leidenschaft
Der neue Quartierbauplan, den der Gemeinderat in diesen Tagen verabschieden sollte, wird Klarheit bringen. So oder so. Gegen die Aufstockung der Arkaden hatte vor zwei Jahren bereits der örtliche Heimatschutz Einsprache erhoben, wohl wissend, dass das Grand Hotel nur als Gesamtanlage und mit Seesicht eine Überlebenschance hat. Das umstrittene Objekt ist das letzte Grand Hotel aus der Gründerzeit des Tourismus im Sopraceneri. Es ist denkbar, dass die Gemeinde Muralto und die bisherigen Besitzer, unter anderen Gianfranco Cotti, Ex-CVP-Nationalrat, und Giancarlo Cotti, Immobilienmakler, die das Haus seit 10 Jahren zum Verkauf anbieten, begreifen, dass mit Schweri ein ernsthaft interessierter Käufer auf dem Teppich steht, der über die nötige Leidenschaft und Barschaft für so ein Projekt verfügt. Die Reaktionen auf ihn, sagt Schweri, seien jedenfalls «sehr positiv»: Weil er ein Schweizer Investor sei, zudem aus einer Unternehmerfamilie stamme – und nicht nur an der Rendite interessiert sei. Vielleicht widerfährt dem Grand Hotel ähnliches Glück wie der Piazza von Locarno: Nach jahrzehntelangen Kämpfen wurde sie kürzlich definitiv zum autofreien Platz. Wunder geschehen – möglicherweise.