Auf dem Dreispitzareal vermittelt ein neues Festival Einblicke in aktuelle Medienkunst aus dem In- und Ausland.
Anita Hugi, Programmzeitung, Oktober 2007
Das englische Wort “Shift” bedeutet Wandel, (Ver-)Änderung. Schalten, sich bewegen. Shift bezeichnet auf neudeutsch auch eine Verschiebung in der Wahrnehmung – einen Durchbruch im Sehen. Und Shift ist eine Tastaturtaste – jene, die man braucht, um etwas auszulösen, das auf einer anderen Ebene passiert. Und: Shift heisst das neue Schweizer Medienfestival, das Ende Oktober in Basel seine Premiere erlebt. War es früher eine grosse Kanone, mit der im Zirkus Menschen in andere Sphären geschleudert wurden, so ist es heute eine Taste, die uns in neue Räume katapultiert.
Das Festivalangebot ist vielseitig und will ein breites Publikum für aktuelle Medienkunst gewinnen. Es reicht von einer Werkschau des Schweizer Videoschaffens über Kopfhörerkonzerte, die Partyreihe ‹Night Shift› bis hin zu einem Kinderprogramm. Es gibt Barbetrieb, einen Marktplatz, Kurzkonferenzen zum Festivalthema ‹Access›, Performances von Netzkünstlern aus Lateinamerika sowie ausgewählte Arbeiten von Studierenden diverser Schweizer Kunsthochschulen im Bereich elektronische Kunst.
Diese Vielfalt hat mit der Entstehungsgeschichte des Festivals zu tun. Shift ist eine Kooperation ganz unterschiedlicher Initiativen und Institutionen aus Basel, die im November 2006 eine gemeinsame Trägerschaft für ein neues Festival der elektronischen Künste bildeten, das künftig jährlich stattfinden soll. Beteiligt sind das Forum für neue Medien, ‹plug.in›, die Plattform für elektronische Musik, ‹sinus-series›, die Videofilmtage Basel sowie das DVD-Magazin Compiler. In Nachbarschaft von Waren- und Schaulagern ist auf dem Dreispitz nun seit September das Festivalbüro eingerichtet.
Reflexion und Unterhaltung
Das Programm ist wie ein Rubik-Cube, ein Zauberwürfel; man kann es sich nach Belieben zusammenstellen. Zum Beispiel zum Aspekt ‹Was ist geistiger Besitz heute?›. Die vom ‹plug.in› kuratierte Hauptausstellung zum Festivalthema ‹Access› greift brennende Fragen auf: «Der Zugang zu Wissen, Raum und Kultur ist im digitalen Zeitalter zur Chance, aber auch zur Konfliktzone geworden. Kultur entsteht nicht mehr nur als Werk einzelner AutorInnen, sondern auch durch die Beteiligung vieler. Neue ökonomische Modelle – etwa die Geschenk-Ökonomie – lösen alte ab», schreibt die ‹plug.in›-Leiterin Annette Schindler. Zu sehen sind u.a. Arbeiten der Mediengruppe Bitnik (CH), Beat Brogle (CH/D), Raphaël Cuomo / Mario Iorio (CH/NL), dem Duo ‹île flottante› | Nica Giuliani & Andrea Gsell (CH) und von Cornelia Sollfrank (D). Diese Ausstellung wird entscheidend sein für die Aussenwirkung des neuen Medienfestivals – man darf also gespannt sein.
Eine weitere Facette sind die Screenings aktueller Videokunst. Es sind einerseits drei kuratierte, jeweils einstündige Programme zum Schweizer Videoschaffen. Die eingeladenen KuratorInnen präsentieren VertreterInnen der Videokunstszene ihrer Region und werden an den Premieren der drei Werkschauen anwesend sein. Die Romandie wird von Nicole Schweizer vom Musée des Beaux-Arts in Lausanne vorgestellt. Die Nordwestschweiz betreuen die Basler Kunsthistorikerin Annina Zimmermann und die Hamburger Künstlerin und Wahlbaslerin Chris Regn. Sie zeigen z.B. eine witzige Arbeit von Lena Eriksson, die auch das Videoschaufenster Lodypop an der St. Johanns-Vorstadt betreibt, weiter Videowerke von Max Philip Schmid, Iris Baumann, Muda Mathis/Sus Zwick, Barbara Naegelin, Daniel Brefin, Bruno Steiner etc. Giovanni Carmine, gebürtiger Tessiner, Wohnzürcher und Kurator der Kunst Halle St. Gallen, vertritt Zürich und die Restschweiz. Er präsentiert u.a. Videos von San Keller, Nils Nova, Anna Luif, Donatella Bernardi, Karim Patwa. Im Anschluss an die Werkschauen werden Arbeiten aus dem freien Video-Wettbewerb gezeigt, an dem Kunstschaffende aus Basel, dem Elsass und Baden-Württemberg teilnehmen konnten.
Medienkunst heisst nicht nur Video, sondern auch Musik und Visuals, also das Zusammentreffen von Bild und Ton, Musik und Videoprojektion. Ton wird in der zeitgenössischen Kunst immer wichtiger, das Centre Pompidou in Paris etwa sammelt bereits explizit Ton- und Audioarbeiten. Ein hochkarätiges Programm hierzu bietet für ‹sinus-series› die Kunsthistorikerin Katrin Steffen an. Den Eröffnungsabend des Festivals gestalten Studierende des Elektronikstudios und der Abteilung Jazz der Basler Musik-Akademie, sie konzertieren unter anderem mit Sensor-Elementen.
Nicht zu verpassen gilt es freitags die Performances von Brian Mackern aus Uruguay und Jorge Haro aus Argentinien. Lateinamerika hat eine sehr aktive und innovative Szene; Mackern tritt u.a. mit Soundtoys auf. Am Samstag ist die bekannte englische Band Coldcut zu Gast, die visuelle und auditive Formen der Kreativität genialisch verschmelzen lässt. Vielversprechend klingen auch die ‹Headphone Concerts› – mittels Kopfhörern wird ein individuelles Erleben von halbstündigen Sets geboten. Diese Kopfhörerkonzerte finden in den sieben Bahnwagen statt, die extra für das Festival aufs Gelände gerollt wurden.
Festival ‹Shift›: Do 25. bis So 28.10., Dreispitzareal, www.shiftfestival.ch