Autobahn Biel II – « Biels Autobahn wird seit 45 Jahren geplant » oder die wohl teuerste Autobahn der Schweiz

Artikel in der Basler Zeitung (baz_20050415_14_1_1) vom 15. April 2005
Ab 2007 soll der Autobahnanschluss Biel gebaut werden. Damit würde eine an Windungen reiche Geschichte ein Ende finden: Wie in Zürich kommt auch hier eine Linienführung zum Zug, die im Grunde Jahrzehnte alt ist.
ANITA HUGI, Biel
Das zweisprachige Gymnasium Biel ist ein schöner Bau am See. Er steht am Rande des Expo-Areals, einen Steinwurf von der Plattform entfernt, wo einst die Expo-Türme in den Himmel ragten. Das Gymnasium am See wurde vor 25 Jahren eröffnet. Es ist ein Bau mit riesigen Fenstern, die man allerdings nicht öffnen kann. Nur die Klimaanlage versorgt die rauchenden Schülerköpfe mit Frischluft. Dies hat mit der Autobahn zu tun, die man für Biel seit mehr als 45 Jahren plant und die hier am See entlang Richtung Neuenburg führen soll. Und immer noch nicht steht. Das jahrzehntelange Warten hat allerdings auch gewichtige Vorteile. 45 Jahre lang keine Autobahn heisst auch: keine Autobahnsünden. Keine Hochstrasse, die als Scheusal im Fluss steht wie etwa die Sihlhochstrasse in Zürich.
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AUTOBAHN ALS SEHENSWÜRDIGKEIT
Eine solche Hochstrasse war allerdings auch in Biel geplant. Biel hat alle Phasen der Schweizer Autobahnphilosophie miterlebt – auf dem Papier. Schnurgerade mitten durch die Stadt hätte die Hochstrasse nach Plänen von 1961 führen sollen, auf Pfeilern in und über der Schüss, dem Fluss, der die Stadt mittig durchläuft und beidseits von Quais gesäumt ist. Über den Zentralplatz hinweg bis zum See lief die Fluss-Hochstrasse, nach einem Vorbild in Brüssel. Damals galt eine solche Lösung als gut und visionär. Das Auto war damals noch nicht Feind, sondern Freund des Menschen. Mit den Eltern sei man sonntags auf Brücken gestiegen, um schöne Autos zu bestaunen, so als wären sie exotische Vögel, erläutert der Bieler Architekt Urs Külling die kühnen Verbauungspläne. Er gehört zur Trägerschaft, die nächsten Sommer einen Architekturführer zu Biel heraus gibt, und er sammelt seit Jahrzehnten Dokumente und Pläne zur Stadtentwicklung. Eine zweite Zeichnung von Anfang 60er zeigt eine ebenfalls mitten durch die Stadt schiessende Autobahn. Direkt neben dem Fahrstreifen verläuft ein Velostreifen, daneben gibt es eine Flaniermeile (vgl. ZeichnungBiel Autobahn baz_20050415_14_1_1). Das waren Visionen! Weil die Umfahrung von Bern Priorität hatte, wurden die ersten Pläne für Biel schubladisiert. Auch die folgenden Jahrzehnte kam Biel nicht zum Zug – erst sollte die Autobahn ins Berner Oberland gebaut werden. Biel und der Jura waren schon in anderen Fragen vom Rest des Kantons links liegen gelassen worden. In den 80er Jahren machte man für Biel einen ausgiebigen Variantenvergleich zwischen einer Nord- und einer Südumfahrung. Die Südumfahrung, die in den 70er Jahren schon entworfen worden war, sieht eine Schlaufe um die Stadt vor, an Waldrand, Familienquartieren und Bahnhof vorbei hin zum See und an besagtem Gymnasium vorbei in die AutostrasseBiel-La Neuveville, die zusammen mit der Zuglinie und den Dörfern zwischen See und Rebhang eingeklemmt ist.
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Die Umfahrungsvariante Nord war als Tunnel durch den Berg gedacht – was viel direkter gewesen wäre als die Schlaufe Süd. Doch wurde diese Nordumfahrung von den umliegenden Gemeinden bekämpft, weil damit die Verkehrsentlastung ihrer Ortskerne nicht gelöst worden wäre. Gegnerin war allen voran Biels südwestliche Nachbargemeinde Nidau, in deren schmucker Hauptstrasse der Verkehr immer noch allabendlich Stossstange an Stossstange stockt. In einer Volksabstimmung wurde Bielüberstimmt, und die Südvariante war fixiert. Auch Biel hat seine teils gefährlichen Strassen wie die Reuchenettestrasse in den Jura nie ausgebaut – in der Erwartung, mit der Autobahn werde das Problem dann gelöst.
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ZWEI FLIEGEN AUF EINEN STREICH
In der Schweiz habe man immer versucht, mit den Autobahnen sowohl den Transitverkehr wie die städtischen Verkehrsprobleme zu lösen, erläutert der für die Umfahrung Biel zuständige Beamte beim Kanton Bern, Jean-Pierre Zürcher. Das Interesse der Städte sei dabei offensichtlich – ohne massive Steuererhöhungen hätten sie kaum das nötige Geld, um grosse Verkehrsprojekte zu finanzieren. Nationalstrassen bezahlt der Bund. Das Gleiche gelte für die Jura-Autobahn Transjurane: Man hätte sie viel direkter bauen können – wenn man mit der Nationalstrasse nicht auch die Ortskerne vom Durchgangsverkehr hätte entlasten wollen, so Zürcher.
Die südliche Autobahnumfahrung wird nun ab 2007 endlich gebaut. Nicht mehr als Hochstrasse, sondern fast vollständig unterirdisch. Kostenpunkt: Rund zwei Milliarden Franken. «Es ist pro gebauten Meter die wohl teuerste Autobahn der Schweiz», lacht Külling, der generell von der Idee, Autobahnen in die Städte hineinzubauen, nicht sonderlich überzeugt ist. Die Umfahrung der mittelgrossen Stadt Biel wird mit vier (!) Zubringern ausgestattet, um so den Verkehr der Stadt und der Nachbargemeinden auf die Autobahn zu lenken.
HAPPY END?
Natürlich fragt sich auch mancher Bieler, was die Leitung des Verkehrs in die Stadt hinein und hinaus denn bringen solle. Die Autobahn endet hinter dem Gymnasium am Bielersee – dort wird sie in die Autostrasse Biel-Neuenburg geführt. Mehr Strassen verursachen mehr Verkehr, ist die alte Position der Grünen. Die starke Opposition der 80er Jahre ist in Biel aber verstummt. Die Opposition mündete hier wie andernorts in die Kleeblattinitiative, die am 1. April 1990 scheiterte. In Biel steht man mittlerweile geeint hinter dem Autobahnanschluss mit Stadtumfahrung.
Das Projekt «Seelandtangente», das den Anschluss Biel anders gelöst hätte, nämlich mit einer Einbindung in die neben Bern-Lausanne zweite, nigelnagelneue Westschweiz-Verbindung via Murten-Yverdon, ist auch kein Thema mehr. Biel wird gebaut. Mittelland und Westschweiz werden mit drei Autobahnen verbunden sein. So wie es 1960 bereits im nationalen Masterplan Autobahn Schweiz festgelegt worden war. Wer aber von Osten Richtung Westen fährt, sollte auch künftig den Blinker frühzeitig Richtung Bern-Lausanne stellen – es ist schneller, da durchgehend. Aber die geschlossenen Fenster des Gymnasiums Biel bekommen nun nach 25 Jahren endlich einen Sinn.