

Zwischenland (Gemischte Menge)
Anita Hugi, Lodypop “7/11″
«Wenn es mal sein muss, bist Du jetzt in fünfzig Schritten in Frankreich», sagte Nicole, als ich hier hinzog. Ich lebe jetzt in Basel, Vater, im Zwischenland. Im Quartier St. Johann, also am Rand der Stadt, am Rand der Schweiz. An einer riesigen Baustelle. Jeden Tag sieht sie anders anders aus. Boden in Bewegung . Hier gehör ich hin. Das ist mein Boden. Zentrum Europas.
Vielleicht brauche ich, wie andere Anderes, das Angrenzen des Fremden. Den mehrfachen Blick auf das Gleiche. Und wenn wir näher hinschauen, wissen wir: es gibt keine Grenzen. Die Sprachen, in den sogenannten Grenzregionen, sind meist dies- und jenseits der Landesgrenzen eine Mischung aus allen. Es gibt wohl immer nur fliessende Übergänge (Farbschattierungen). Alles Statische, Umgrenzte, ist künstliches Festhalten. Hat je jemand eine Grenze gesehen? Haben nicht wir sie hingestellt? Die Zäune, die Stacheldrähte?
Bei aller Liebe zum Vagen, zum Übergang, zur gemischten Menge, die ich suche und brauche, wie das offene Land, den weiten Horizont, weiss ich um die Gefahr der Verklärung. Deshalb immer wieder, zum Beispiel, Hilde Ziegler (1939-1999) lesen. Etwa Ihre «Kleine Reise».
Und ich bin glücklich hier. (Was für ein Satz. Nie hätte ich mich vorher zu solchem – Glück – getraut. Aber. Es stimmt! (Ausrufezeichen. In diesem Fall, sogar. Mut zum Bekenntnis.) Dabei bin ich, ich muss stets alle enttäuschen, die fragen, ohne bestimmten Grund nach Basel gezogen. Keine grosse Liebe, die mich geholt hätte. Das Leben hat mich angezogen. Weil man hier den Prozess lebt vielmehr (gerade auch die Kunstschaffenden), als das Resultat, so scheint mir. Das Suchen (wollen) vielmehr als das Gefunden haben.
Von mir hier gegen das Stadtzentrum hin steht ein altes Tor, das St. Johanntor, und kurz danach gibt es ein Schaufenster – dort ist Kunst. Was hier zu sehen ist, kein Produkt, sondern Prozess. Lodypop – steht klein und unten am Schaufenster. Von Lodypop nach Richtung Frankreich / gehend / kommt man, an manchen Tagen, auf den Gemüsemarkt St. Johann, auf dem die Elsässer Bauern ihren Spargel, ihre Kartoffeln, ihre Carottes verkaufen, die sie aus ihrem Land graben. Wie Du damals, Vater. Die Videokünstlerin Sus Zwick hat sie wachsen gehört, vielleicht. Aber sicherlich: wachsen gesehen. Sie hat dem Spargel, den Kohlköpfen, den Karotten zugeschaut, Frühling, Sommer, Winter, Frühling, und ihren Bauern, die im Zwischenland ihr Land bestellen. Seit Jahrhunderten. Aller politischen Wirrnis zum Trotz. Mehr als ein Jahr lang, wenn möglich täglich, hat Sus ihre Runde gedreht. Anstatt ein Zuckerbrot, eine Kamera im Hosensack. Immer ungefähr vom selben Ort hat sie sie eingefangen, die alltäglichen Shifts in der Realität, die unsere Wirklichkeit ausmachen. Als Kontrapunkt zu ihrer Arbeit lud sie als Gast Annelies Strba ein.
Wieviele Bilder hat eine Sekunde? 24 mal 60? Wieviele Bilder ein Jahr? Wieviele Bilder hat eine Kartoffel, die wächst? Wieviel Arbeit, wie viel Zu-Neigung im Spargelgraben braucht es, bis er auf dem Markt liegt? Wieviel Arbeit hatte sie, die Künstlerin, um all die Aufnahmen neben einander, in den Kontext, die Kontinuität zu stellen? Kontemplation. Hat das eigentlich etwas mit Zeit zu tun? Als ich kürzlich eine Karotte aufschnitt, dachte ich wieder einmal: wie viel Schönheit, Zauberhaftigkeit da drin steckt. Vielleicht seid ihr, Vater, ihr Bauern, ein Leben lang näher dran am Geheimnis der Veränderung? Am Leben? Vielleicht suche ich genau das in der urbanen Landschaft? Im Umbruch? Das Versprechen der Veränderung. Täglich?
Hinter dem Gemüsemarkt die pfeilgerade Strasse nach Frankreich, meine Strasse nach Hause. An den Häuserfassaden, graugrau, wachsen an den Regenrinnen Rosen. Vater, das alles hier hat mir mit dir zu tun. (Oder hat je länger je mehr Vieles für mich mit Dir zu tun?) Du warst Bauer, erst. Dann Gemüsehändler, nachts. Bliebst so dem Boden verbunden, als ihr den Hof aufgeben musstet. Du hast Deine Kartoffeln, Salate, Karotten von Biel aus in Neuenburg verkauft, obwohl Du gar nicht gut Französisch konntest. Wieso eigentlich dort? Habe ich meine Sehnsucht gegen Westen – auf diesen Ausfahrten mit Dir gelernt?
Vater. Du bist jetzt zwölf Jahre tot. Und ein Monat. Einige Tage. Und je länger, je mehr frage ich mich. Wo bist Du? Wo gehen Sie wirklich hin, die Menschen, die tot sind? Kinderfrage. Ja. Ich habe sie mir nie wirklich gestellt. Musste einfach weiter gehen. Die Wut über Deine Krankheit.
Wegstecken. Hätte Dir gerne etwas erzählt, heute, von mir, von hier, vom Zwischenland. Es geht mir gut, zwischen St. Johannstor und dem Hafen. Basel hat, schwarze Anker auf weissen Wegweisern, das Meer in spe. Hab die Ehrfurcht der Karotte in mir. Vater. Du lächelst. Hätte Dir gern gezeigt, was wir gemacht haben aus dem, was Du in uns gepflanzt hast.
Ich kann Dir nicht schreiben, aber ich denk an Dich.
Anita Hugi ist Journalistin und lebt in Basel.
Textbeitrag für: 7/Eleven, Videoschaufenster. Lodypop, Basel. Publiziert im Faltblatt zu 7/11