2002 02 22 / NZZ am Sonntag / Menschen So viel Spass wie möglich Vera Dillier ist der Inbegriff des Schweizer Jetsets. Das Bankgeheimnis findet die Selfmade-Millionärin frauenfeindlich Vera Dillier, Alter unbekannt, mit Augenmass auf geliftete und gespritzte 52 bis 62 Jahre zu schätzen, empfängt uns fröhlich und aufgestellt in ihrer Buchhandlung in der St. Galler Altstadt. Seit vier Jahren besitzt und führt die Prominenten-Party-Gängerin das altehrwürdige Buchgeschäft - «vorübergehend», wie sie sagt. Auf die Idee, mit Büchern zu handeln, «wäre ich im Leben nie gekommen». Sie lacht mit ihrer lauten, gut gelaunten Stimme. Aber eben, wie das Leben so spielt: Nach den Boom-Bumm-Jahren an der Börse verlagerte die geschäftstüchtige Dillier ihr Kapital in Immobilien, kaufte das Mehrfamilienhaus an der St. Galler Schmiedgasse und machte aus der heruntergekommenen, aber schönen Bausubstanz neue Wohnungen. Und weil die bankrotte Buchhandlung im Erdgeschoss eine der ältesten der Schweiz ist, hat Dillier sie aus ehrfürchtigem Erbarmen unter ihre Fittiche genommen, um später einen neuen Käufer zu finden. Der lässt auf sich warten, und so steht die Selfmade-Millionärin in hochhackigen Stöckelschuhen und wärmenden Socken selber hinter der Kasse. Gut geerbt, gut geschieden Nun geleitet sie uns, angeführt von ihrem mexikanischen Schosshund «Macho» - «haben Sie schon einmal einen kleinen Mexikaner gesehen, der kein Macho ist?» - zum Gespräch in die Ladenküche. Die ehemalige Profi-Ballerina trägt typgerecht eine knallenge Hose, ein ärmelloses Top mit zu einer Buchhändlerin passenden Buchstaben drauf. An einer Kette um ihre Hüfte baumeln ebenfalls Buchstaben: Ein S, ein E, ein X und ein Y. An den nackten Oberarmen steckt eine Art Pulswärmer aus Pelz, die aussehen wie Flügel - St. Moritzer Eleganz. Wir setzen uns an den Küchentisch, auf dem sich Portionen mit Edel-Hundefutter stapeln; daneben stehen eine leere Flasche Cola light und eine Flasche Rum. Seit Jahren rauscht Vera Dillier übers Schweizer Jetset-Parkett und taucht auf den Partyfotos in den Glanzgazetten auf - doch weiss niemand genau, woher sie eigentlich das Geld dazu hat. Ein Haus habe sie geerbt von ihrem Vater und mit dem Erbe habe sie eben gewinnbringend umzugehen gewusst. Zudem hat sich Dillier bei der Scheidung von ihrem ersten Mann, der mit dem Abfall von Petrochemikalien handelte, gut geschlagen und sich nicht, wie sie sagt, wie andere Frauen über den Tisch ziehen lassen. «Die heilige Kuh Bankgeheimnis bringt viele Frauen von reichen Männern um ihr Recht», sagt Dillier. «Ich bin nicht gegen das Bankgeheimnis, aber zumindest bei Scheidungen sollten Richter Einsicht haben.» 1995 publizierte Dillier, die sich zu ihrem Drang nach Selbstinszenierung so offen bekennt wie zu Botox, über ihre langjährigen Scheidungsstreitigkeiten ein Buch, das sich 10 000 Mal verkauft hat im Land. Und bei der Präsentation an der Frankfurter Buchmesse hat sie ihren heutigen Freund, den Buchverleger-Präsidenten Felix Guyer, kennen gelernt, mit dem sie nun seit bald zehn Jahren zusammenlebt. «Nein, ich habe damals nicht einen reichen Mann geheiratet. Als ich ihn heiratete, hatte er gerade doktoriert und war ohne Geld. Aber ich habe an ihn geglaubt.» So viel zu Selbstbewusstsein und Strebsamkeit der Vera Dillier, die schon als Kind von der «richtigen Gesellschaft» träumte. Miete 10 000 Franken Heute ist die Selfmade-Diva zwar nicht mehr so oft an Partys zu sehen, doch weiterhin präsent im Prominenten- Stadel. In St. Moritz besitzt sie eine 200-m2-Wohnung, die sie für 10 000 Franken die Woche vermietet. «Ein gerechtfertigter Preis», so sagt Dillier, «verglichen mit den Hotelpreisen in St. Moritz.» Sie wohnt an der Wühre in Zürich, zudem besitzt sie ein Apartment in Buenos Aires und Freunde in der ganzen Welt. In St. Gallen aber hat sie nur ein Zimmer mit einem riesigen Bett «mitten in der Buchhandlung». Ganz Geschäftsfrau, bleibt Vera Dillier auch immer ganz die Tussi. Sie selbst nennt sich «Luxus-Zigeuner» und bringt ihr Lebensmotto wie folgt auf den Punkt: «Jeder hat nur 100 Jahre zur Verfügung. Es geht darum, so viel Spass zu haben wie nur möglich. Daneben sollte jeder etwas Positives machen. Ich habe eine Buchhandlung.» |