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	<title>Anita Hugi &#187; Journalismus</title>
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		<title>Am Ende die Schweiz</title>
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		<pubDate>Tue, 30 Jun 2009 05:51:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Freie Publikationen seit 2005]]></category>

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		<description><![CDATA[Hier endet die Schweiz, und hier fing sie vor 150 Jahren richtig an. Hierher flohen die Verfolgten und die Arbeitslosen, und sie fertigten Luxusuhren für die Reichen und Mächtigen dieser Welt. La Chaux-de-Fonds, die erste moderne Stadt der Schweiz und doch ein verkannter Ort, gehört nun zum Unesco-Weltkulturerbe. Zu Recht, findet die Autorin dieses Beitrags.
30. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p><em>Hier endet die Schweiz, und hier fing sie vor 150 Jahren richtig an. Hierher flohen die Verfolgten und die Arbeitslosen, und sie fertigten Luxusuhren für die Reichen und Mächtigen dieser Welt. La Chaux-de-Fonds, die erste moderne Stadt der Schweiz und doch ein verkannter Ort, gehört nun zum Unesco-Weltkulturerbe. Zu Recht, findet die Autorin dieses Beitrags.</em></p></blockquote>
<p>30. Juni 2009. Anita Hugi, Neue Zürcher Zeitung, Ressort Schweiz</p>
<p>Wer die Stadt besucht, dem erscheint sie. Eben noch war man still und verlassen durch eine leere Weite gefahren, vorbei an schwarzen Tannen und weiss gekalkten einsamen Gehöften, und dann liegt sie plötzlich da, wie ein Leuchtkörper in der Nacht, die Stadt ohne Vorstädte, die Stadt auf dem Land. Stadtlichter, Hochhäuser mitten auf der Weide, zwischen zwei Hügelrücken, in die eben die Nacht herabfällt. In einer einzigen Kurve biegt man von der Weide auf eine vierspurige, mondäne Avenue, die pfeilgerade und kilometerlang durch die Stadt führt. In der Strassenmitte zwei Reihen Ahorn, deren Kronen viereckig geschnitten sind. Als wäre man in Beverly Hills und nicht an der Ferse der Freiberge.</p>
<p>Die Avenue, die im Abendlicht jenen von Paris oder New York in nichts nachsteht, bringt einen endlos durch Häuserreihen, an der hell erleuchteten Fassade eines Theaters, an einem mondänen Brunnen vorbei. Die Querstrassen gehen alle rechtwinklig weg. Bordeauxrote Gusseisen-Laternen hängen vom Himmel und giessen ihr milchig weisses Licht in den Boulevard, der mitten durch das Kaff führt, durch die drittgrösste Stadt der Romandie, durch La Chaux-de-Fonds.</p>
<p>So mondän, so ärmlich auch wirkt diese Stadt auf den zweiten Blick. Geht man von der Avenue Léopold-Robert, wie der lange Boulevard heisst, beim Bahnhof nur drei Schritte in eine Seitenstrasse, so hängen Häuser schräg im Fundament, sind die Fassaden rissig und von Abgasen verrusst. Im Schaufenster der alten Häuser aber prangt Pracht aus vergangenen Zeiten. Hinten stehen die Pendules, die robusten Standuhren, vorne liegen in Vitrinenkästen die Taschen- und die Armbanduhren in feinster Ausführung auf samtenen Auslagen. Es sind jene Marken, die der Welt die Schweiz bedeuten.</p>
<p>38 000 Einwohner, genau 1000 Meter über Meer, Wiege des Weltuhrenhandels, kultureller Schmelztiegel, Arbeiterstadt, Fleiss, Anarchie, Wohlfahrt, Gewerkschaften, Patrons, Luxus und auch Bescheidenheit, Architektur, Literatur, Jugendstil, Le Corbusier, Louis Chevrolet, Blaise Cendrars, Anfang der modernen Schweiz, Niemandsland und Kreuzung Europas – ein Dornröschen und ein Phönix: La Chaux-de-Fonds ist erstanden aus Glut und Asche. Nach einem verheerenden Brand 1791 wurde die Stadt nach einem innerhalb weniger Tage verabschiedeten rigiden Richtplan ganz neu gebaut.</p>
<p>Ur- und Unschweiz<br />
La Chaux-de-Fonds ist Ur- und Unschweiz in einem. Die Stadt war treibende wirtschaftliche und politische Kraft des jungen schweizerischen Bundesstaats, stellte einen der ersten Bundesräte des Freisinns, der damals die revolutionären Kräfte des Landes bündelte. La Chaux-de-Fonds ist seit 300 Jahren Immigrantenstadt und hat eine Tradition der Integration, die das internationale Image der Schweiz geprägt hat. La Chaux-de-Fonds wird seit Jahrzehnten vom Rest der Schweiz infrastrukturell vielmehr negiert als gefördert, hat knapp Autobahnanschluss – aber einen internationalen Kleinflugplatz, wo die Uhrenfirmen ihre eigenen Flugzeuge haben. In der Stadt gibt es im Winter immer noch haufenweise Schnee, aber das ganze Jahr über nie Nebel. La Chaux-de-Fonds hat eines der beiden letzten Theater à l&#8217;italienne der Schweiz. Es wurde 1835 erbaut; vor vier Jahren haben Private und Stiftungen das prunkvolle Haus für 18 Millionen Franken renoviert. Daneben steht in atemberaubendem Kontrast ein gigantischer Musiksaal, ein Bau in Sowjetästhetik, der von Kopenhagen bis Lissabon für seine Akustik bekannt ist.</p>
<p>La Chaux-de-Fonds besitzt auch einen berühmten Debattierklub, den Club 44, der seit Jahrzehnten bis nach Paris ausstrahlt und Philosophen, Künstlerinnen und andere Zeitgeister anzieht, unter vielen anderen Jean-Paul Sartre, Denis de Rougemont, François Mitterrand oder auch Bruno Manser – und bis heute auch immer wieder unsere Bundesräte.</p>
<p>Schmelztiegel<br />
Das Feinmechanik- und Uhrenhandwerk kam mit protestantischen Flüchtlingen aus Südfrankreich im 17. Jahrhundert in den Jura. Die weltweit exportierende Uhrenindustrie im 19. Jahrhundert wurde ermöglicht durch die vielen Arbeitslosen aus der Deutschschweiz, durch Juden, die vor einem Pogrom aus dem Elsass flohen, durch jugendliche Waisen von überallher und weitere von der Gesellschaft verschmähte Existenzen. 1880 zählte La Chaux-de-Fonds 30 Prozent deutschsprachige Einwanderer, die offizielle Sprache blieb stets Französisch. Ihre Glaubenszugehörigkeit jedoch konnten alle Zugewanderten behalten. Seit Jahrzehnten haben Ausländer kommunales Wahlrecht. 1888 gab sich die Stadt ein neues Wappen: Es zeigt einen Bienenstock, Symbol für Fleiss und sozialen Zusammenhalt.</p>
<p>Allein in den 1890er Jahren wächst die Bevölkerung um einen Drittel. Für die zuziehenden Arbeiter werden Mietwohnungen am Laufmeter gebaut. 1880 bis 1910 werden nicht weniger als 1200 respektable Wohn- und Geschäftshäuser hochgezogen. Diese Häuser sind heute Kulturerbe, vor allem des Jugendstils: Unter der Ägide des Malers, Bildhauers und Lehrers Charles L&#8217;Eplattenier entsteht in der Uhrenstadt in dieser Zeit eine international relevante Ausprägung des Jugendstils – der «style sapin», der auf die örtliche Umgebung Bezug nehmende «Tannenstil».</p>
<p>Auch Charles Edouard Jeanneret war, bevor er unter dem Namen Le Corbusier bekannt wurde, als Uhrengraveur ein Schüler von L&#8217;Eplattenier und gehörte zu dessen Künstlerzirkel. «Tu seras l&#8217;architecte», sagte ihm der Mentor. Nachdem er für seine Eltern in La Chaux-de-Fonds knapp 25-jährig sein erstes Haus gebaut und beim Bau eines weiteren, der Villa Turque, das Budget hoch überzogen hatte, brach Jeanneret mit der Heimat und dem Heimatstil, emanzipierte sich vom Schnörkel und verschrieb sich der Modernität. Dafür wurde er berühmt. Doch dass man eine ganze Stadt denken, planen und bauen kann, das hatte er in La Chaux-de-Fonds erfahren.</p>
<p>Links regiert<br />
La Chaux-de-Fonds ist Anfang und möglicherweise Zukunft einer aktiven Schweiz, Entwurf eines nun durch die globale Migration herausgeforderten Vielvölkerstaats. In La Chaux-de-Fonds geht man sonntags zum Picknick ins Hinterland, das tannenbedeckt vor der Haustür anfängt, aber stets mit dem Auto. Ganz La Chaux-de-Fonds ticke im Rhythmus der Uhren. Das schrieb Karl Marx nach einer Durchreise in seinem «Kapital»: «Diese ganze Stadt ist eine Fabrik.» Eine «fabrique» ist bei den Uhrenarbeitern bis heute kein Schimpfwort, sondern ein Wort für den Stolz des Ateliers, der Fertigung von Hand, des freien Berufs. Und ganz zu Marx&#8217; Freude wird die Uhrenstadt seit 1911 ununterbrochen links regiert. 2004 und 2005 von einer Frau, der Stadtpräsidentin Claudine Stähli-Wolf vom POP, dem Parti Ouvrier et Populaire, einer der grossen Parteien im Hochland.</p>
<p>Gut versteckt<br />
La Chaux-de-Fonds ist die grosse Vergessene. Je mehr man sie entdeckt, desto mehr wird einem aber auch bewusst, wie gut sich diese Stadt versteckt, wie sehr man hier das Understatement pflegt. Hier scheint alles im Innern zu passieren. Liegt es am im Winter bitterkalten Klima? Ist es angewandter Calvinismus? In der Rue du Manège versteckt sich hinter einem schweren Holztor ein Innenhof mit goldenen Balkonen und hellblauer Marmormalerei, ein Palazzo wie in Venedig. An der Rue du Grenier hat es in den Treppenhäusern einfachster Mietshäuser ausgiebige Jugendstil-Malereien und Glasfenster, die die Stadt um die vorletzte Jahrhundertwende mit bauten. Das private Uhrenmuseum von Girard-Perregaux wurde in den letzten Jahren nur durch einen Diebstahl wieder allgemein bekannt, und die Medien der Restschweiz verwechselten es prompt mit dem städtischen Uhrenmuseum, dem Musée international d&#8217;horlogerie. Das wenn auch nicht die grösste, so doch eine der vollständigsten Uhrensammlungen pflegt.</p>
<p>Gepflegte Selbstironie<br />
Der Uhrenindustrie geht es heute wieder sehr viel besser. In den letzten Jahren sind die grossen Marken, teilweise nach Billigproduktions-Eskapaden in Asien, wieder heimgekommen, die Firmen haben sich neue Sitze bauen lassen, die nun auffällig aus der brachen Landschaft zwischen Le Locle und La Chaux-de-Fonds ragen. Die beiden Städte bewarben sich zusammen um die Aufnahme ins Unesco-Weltkulturerbe. Auch in der Romandie sieht man La Chaux-de-Fonds und Le Locle eher als unwichtiges Anhängsel, als eine Art Blinddarm der Schweiz. Die Leute hier oben wissen sich dagegen mittendrin: mitten in der Schweiz, in Europa, in der Welt. Die europäische Geografie, die Beweglichkeit ihres Denkens und die Qualität ihrer Architektur geben ihnen recht.</p>
<p>Vielleicht aber gehört es zur gepflegten Selbstironie der Stadt, sich nicht so wichtig zu nehmen – wenngleich sie eigentlich schon lange viel wichtiger sein müsste, wenn man sich überlegt, wofür die Schweiz in den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten bekannt wurde. Für Uhren. Für einen konstruktiven Vielvölkerstaat. Für eine Tradition der Integration, die den Grundstein legte für technische und kulturelle Innovation. Und für herausragende Künstler, die neue Visionen von Leben entworfen haben.</p>
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		<title>Warten auf ein «Miracolo a Locarno»</title>
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		<pubDate>Fri, 08 Aug 2008 15:18:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>anita</dc:creator>
				<category><![CDATA[Freie Publikationen seit 2005]]></category>

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		<description><![CDATA[Wunder geschehen. Jedenfalls im Märchen: Der vor einem Jahr im «Magazin» erschienene Artikel über das geschlossene Grand Hotel Locarno, das 1875 erbaut wurde, in dessen Park 1946 das Filmfestival von Locarno gegründet und 1925 die Verträge von Locarno unterzeichnet worden waren, wurde auch von einem Millionär gelesen. Einem Multimillionär aus der Deutschschweiz.
Anita Hugi, Tages-Anzeiger, 8. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wunder geschehen. Jedenfalls im Märchen: Der vor einem Jahr im «Magazin» erschienene Artikel über das geschlossene Grand Hotel Locarno, das 1875 erbaut wurde, in dessen Park 1946 das Filmfestival von Locarno gegründet und 1925 die Verträge von Locarno unterzeichnet worden waren, wurde auch von einem Millionär gelesen. Einem Multimillionär aus der Deutschschweiz.</p>
<p><small>Anita Hugi, Tages-Anzeiger, 8. August 2008</small></p>
<p>Der Mittsechziger stammt aus einer Unternehmerfamilie und kennt das Belle-Epoque-Hotel aus Kindertagen, als er mit seinen Eltern dort abgestiegen war. Der Artikel entfachte in ihm offenbar eine echte Leidenschaft für das Hotel. Gut für das Hotel &#8211; denn bis heute steht es, entgegen anders lautenden Meldungen, nicht unter Denkmalschutz. Es ist deshalb nicht vor Abbruch gefeit. Und schon gar nicht vor Feuer. Für das Grand Hotel Lugano und das Grand Hotel Brissago ist so das Ende gekommen. Für das Grand Hotel Locarno jedoch könnte nun alles anders werden. Seine Zukunft könnte beginnen. Und Bideau&#8217;schen Glamour für den Schweizer Film gäbe es noch gratis obendrein. Denn der Multimillionär aus der Deutschschweiz hat konkrete Pläne. Sein exklusives Kaufrecht dauert bis Ende Dezember 2008. Das Hotel könnte bereits 2011 wieder öffnen.</p>
<p><strong>Schweris Träume</strong><br />
Der Millionär aus der Deutschschweiz heisst bekanntlich René Schweri. Er kann rechnen &#8211; und will das Grand Hotel trotzdem erhalten. Der Kaufpreis beträgt rund 20 Millionen Franken, der Renovationsaufwand dürfte weitere 20 bis 40 Millionen betragen. Für den Verkauf von Denner an die Migros erhielt die Familie Schweri mehrere Hundert Millionen Franken. René Schweri verfügt also über das nötige Kapital. Dass auch die Credit Suisse am Grand Hotel als Investitionsobjekt interessiert gewesen sei, spricht dafür, dass das Gebäude kein schlechter Kauf ist. Gemäss René Schweri soll das Haus als Grand Hotel erhalten bleiben und nicht nur der reichen Klientel zugänglich sein. Auf der Bergseite des Hotels soll ein Wellness-Bereich entstehen, darunter Parkplätze. Auf der Seeseite in den Kellergewölben sind bis zu 4000 Quadratmeter multifunktionaler Kongress- und Eventraum geplant. Der Park mit seinen exotischen Pflanzen bleibt erhalten. An die Stelle des Tennisplatzes sollen zwei Neubauten mit Appartements treten. Für diese will René Schweri einen Architekturwettbewerb ausschreiben, was konsequent erscheint in einem Kanton der Architekten. Weiter will Schweri einen Raum für Kunstausstellungen. Dafür ist er mit einem Kulturschaffenden aus dem Umfeld des Clubs in der ehemaligen Toni-Molkerei Zürich im Gespräch.</p>
<p>Das Grand Hotel könnte, wenn mit den Bewilligungen alles nach Plan verläuft, bereits im Jahr 2011 wieder eröffnet werden. Mit dem neuen Präsidenten des Filmfestivals, Marco Solari, besteht bereits Kontakt. Schweri möchte dereinst im Park, in dem das Festival gegründet und bis Anfang der 1970er-Jahre openair durchgeführt wurde, alle Siegerfilme der letzten Jahrzehnte zeigen. Das alles entscheidet sich in diesen Tagen. Eigentlich schon bis Ende Juli nämlich sollte Locarnos Nachbargemeinde Muralto, auf deren Boden das Gebäude steht, entscheiden, ob Schweri seine Träume realisieren kann. Die Rettung des Grand Hotels steht und fällt mit der Frage, wie hoch die Arkaden vor dem Hotel aufgestockt werden dürfen. Diese Hotelarkaden waren, wie auch das Areal, auf dem ein mehrgeschossiges Auto-Silo (Parkhaus) steht, von den Besitzern schon früher an Dritte verkauft worden. Heute ist in den Arkaden unter anderen McDonald&#8217;s untergebracht. Ohne einen garantierten freien Blick auf den See ist die Erhaltung des Grand Hotels für Schweri nicht realistisch.</p>
<p><strong>Interessent mit Leidenschaft </strong><br />
Der neue Quartierbauplan, den der Gemeinderat in diesen Tagen verabschieden sollte, wird Klarheit bringen. So oder so. Gegen die Aufstockung der Arkaden hatte vor zwei Jahren bereits der örtliche Heimatschutz Einsprache erhoben, wohl wissend, dass das Grand Hotel nur als Gesamtanlage und mit Seesicht eine Überlebenschance hat. Das umstrittene Objekt ist das letzte Grand Hotel aus der Gründerzeit des Tourismus im Sopraceneri. Es ist denkbar, dass die Gemeinde Muralto und die bisherigen Besitzer, unter anderen Gianfranco Cotti, Ex-CVP-Nationalrat, und Giancarlo Cotti, Immobilienmakler, die das Haus seit 10 Jahren zum Verkauf anbieten, begreifen, dass mit Schweri ein ernsthaft interessierter Käufer auf dem Teppich steht, der über die nötige Leidenschaft und Barschaft für so ein Projekt verfügt. Die Reaktionen auf ihn, sagt Schweri, seien jedenfalls «sehr positiv»: Weil er ein Schweizer Investor sei, zudem aus einer Unternehmerfamilie stamme – und nicht nur an der Rendite interessiert sei. Vielleicht widerfährt dem Grand Hotel ähnliches Glück wie der Piazza von Locarno: Nach jahrzehntelangen Kämpfen wurde sie kürzlich definitiv zum autofreien Platz. Wunder geschehen &#8211; möglicherweise.</p>
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		<title>Schleudersitzung ins Virtuelle</title>
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		<pubDate>Mon, 01 Oct 2007 14:59:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>anita</dc:creator>
				<category><![CDATA[Freie Publikationen seit 2005]]></category>

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		<description><![CDATA[Auf dem Dreispitzareal vermittelt ein neues Festival Einblicke in aktuelle Medienkunst aus dem In- und Ausland.
Anita Hugi, Programmzeitung, Oktober 2007
Das englische Wort &#8220;Shift&#8221; bedeutet Wandel, (Ver-)Änderung. Schalten, sich bewegen. Shift bezeichnet auf neudeutsch auch eine Verschiebung in der Wahrnehmung – einen Durchbruch im Sehen. Und Shift ist eine Tastaturtaste – jene, die man braucht, um [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Auf dem Dreispitzareal vermittelt ein neues Festival Einblicke in aktuelle Medienkunst aus dem In- und Ausland.</em></p>
<p><em></em>Anita Hugi, Programmzeitung, Oktober 2007</p>
<p>Das englische Wort &#8220;Shift&#8221; bedeutet Wandel, (Ver-)Änderung. Schalten, sich bewegen. Shift bezeichnet auf neudeutsch auch eine Verschiebung in der Wahrnehmung – einen Durchbruch im Sehen. Und Shift ist eine Tastaturtaste – jene, die man braucht, um etwas auszulösen, das auf einer anderen Ebene passiert. Und: Shift heisst das neue Schweizer Medienfestival, das Ende Oktober in Basel seine Premiere erlebt. War es früher eine grosse Kanone, mit der im Zirkus Menschen in andere Sphären geschleudert wurden, so ist es heute eine Taste, die uns in neue Räume katapultiert.<br />
Das Festivalangebot ist vielseitig und will ein breites Publikum für aktuelle Medienkunst gewinnen. Es reicht von einer Werkschau des Schweizer Videoschaffens über Kopfhörerkonzerte, die Partyreihe ‹Night Shift› bis hin zu einem Kinderprogramm. Es gibt Barbetrieb, einen Marktplatz, Kurzkonferenzen zum Festivalthema ‹Access›, Performances von Netzkünstlern aus Lateinamerika sowie ausgewählte Arbeiten von Studierenden diverser Schweizer Kunsthochschulen im Bereich elektronische Kunst.<br />
Diese Vielfalt hat mit der Entstehungsgeschichte des Festivals zu tun. Shift ist eine Kooperation ganz unterschiedlicher Initiativen und Institutionen aus Basel, die im November 2006 eine gemeinsame Trägerschaft für ein neues Festival der elektronischen Künste bildeten, das künftig jährlich stattfinden soll. Beteiligt sind das Forum für neue Medien, ‹plug.in›, die Plattform für elektronische Musik, ‹sinus-series›, die Videofilmtage Basel sowie das DVD-Magazin Compiler. In Nachbarschaft von Waren- und Schaulagern ist auf dem Dreispitz nun seit September das Festivalbüro eingerichtet.</p>
<p><strong>Reflexion und Unterhaltung</strong><br />
Das Programm ist wie ein Rubik-Cube, ein Zauberwürfel; man kann es sich nach Belieben zusammenstellen. Zum Beispiel zum Aspekt ‹Was ist geistiger Besitz heute?›. Die vom ‹plug.in› kuratierte Hauptausstellung zum Festivalthema ‹Access› greift brennende Fragen auf: «Der Zugang zu Wissen, Raum und Kultur ist im digitalen Zeitalter zur Chance, aber auch zur Konfliktzone geworden. Kultur entsteht nicht mehr nur als Werk einzelner AutorInnen, sondern auch durch die Beteiligung vieler. Neue ökonomische Modelle – etwa die Geschenk-Ökonomie – lösen alte ab», schreibt die ‹plug.in›-Leiterin Annette Schindler. Zu sehen sind u.a. Arbeiten der Mediengruppe Bitnik (CH), Beat Brogle (CH/D), Raphaël Cuomo / Mario Iorio (CH/NL), dem Duo ‹île flottante› | Nica Giuliani &amp; Andrea Gsell (CH) und von Cornelia Sollfrank (D). Diese Ausstellung wird entscheidend sein für die Aussenwirkung des neuen Medienfestivals – man darf also gespannt sein.<br />
Eine weitere Facette sind die Screenings aktueller Videokunst. Es sind einerseits drei kuratierte, jeweils einstündige Programme zum Schweizer Videoschaffen. Die eingeladenen KuratorInnen präsentieren VertreterInnen der Videokunstszene ihrer Region und werden an den Premieren der drei Werkschauen anwesend sein. Die Romandie wird von Nicole Schweizer vom Musée des Beaux-Arts in Lausanne vorgestellt. Die Nordwestschweiz betreuen die Basler Kunsthistorikerin Annina Zimmermann und die Hamburger Künstlerin und Wahlbaslerin Chris Regn. Sie zeigen z.B. eine witzige Arbeit von Lena Eriksson, die auch das Videoschaufenster Lodypop an der St. Johanns-Vorstadt betreibt, weiter Videowerke von Max Philip Schmid, Iris Baumann, Muda Mathis/Sus Zwick, Barbara Naegelin, Daniel Brefin, Bruno Steiner etc. Giovanni Carmine, gebürtiger Tessiner, Wohnzürcher und Kurator der Kunst Halle St. Gallen, vertritt Zürich und die Restschweiz. Er präsentiert u.a. Videos von San Keller, Nils Nova, Anna Luif, Donatella Bernardi, Karim Patwa. Im Anschluss an die Werkschauen werden Arbeiten aus dem freien Video-Wettbewerb gezeigt, an dem Kunstschaffende aus Basel, dem Elsass und Baden-Württemberg teilnehmen konnten.</p>
<p>Medienkunst heisst nicht nur Video, sondern auch Musik und Visuals, also das Zusammentreffen von Bild und Ton, Musik und Videoprojektion. Ton wird in der zeitgenössischen Kunst immer wichtiger, das Centre Pompidou in Paris etwa sammelt bereits explizit Ton- und Audioarbeiten. Ein hochkarätiges Programm hierzu bietet für ‹sinus-series› die Kunsthistorikerin Katrin Steffen an. Den Eröffnungsabend des Festivals gestalten Studierende des Elektronikstudios und der Abteilung Jazz der Basler Musik-Akademie, sie konzertieren unter anderem mit Sensor-Elementen.<br />
Nicht zu verpassen gilt es freitags die Performances von Brian Mackern aus Uruguay und Jorge Haro aus Argentinien. Lateinamerika hat eine sehr aktive und innovative Szene; Mackern tritt u.a. mit Soundtoys auf. Am Samstag ist die bekannte englische Band Coldcut zu Gast, die visuelle und auditive Formen der Kreativität genialisch verschmelzen lässt. Vielversprechend klingen auch die ‹Headphone Concerts› – mittels Kopfhörern wird ein individuelles Erleben von halbstündigen Sets geboten. Diese Kopfhörerkonzerte finden in den sieben Bahnwagen statt, die extra für das Festival aufs Gelände gerollt wurden.</p>
<p><em>Festival ‹Shift›: Do 25. bis So 28.10., Dreispitzareal, www.shiftfestival.ch </em></p>
<p><a href="http://www.programmzeitung.ch/index.cfm?uuid=1CAD8C9DD9D9424C4DE39F24E69FD603&amp;and_uuid=1CCBE26CD9D9424C4027C539DBAF67EE&amp;content_from=1&amp;content_to=50&amp;show_long=1">Link</a></p>
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		<title>Fang einfach an</title>
		<link>http://www.anitahugi.net/journalismus/buch-projekt-beitrage-seit-2005/fang-einfach-an/</link>
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		<pubDate>Fri, 13 Apr 2007 10:40:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>anita</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buch- / Projekt-Beiträge seit 2005]]></category>

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		<description><![CDATA[in: Neue Horizonte. Bekannte Traditionen. Ein Lese- und Foto-Buch zu Biel-Bienne. Herausgeber Verlag, Bern. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Der Artikel folgt. </em></p>
<p>Textbeitrag auf Anfrage für die Buchpublikation: Neue Horizonte. Bekannte Traditionen. 15 Kapitel über die Stadt Biel-Bienne. Herausgeber Verlag, Bern. <a href="http://www.herausgeber.ch/www.herausgeber.ch/hg_Biel.html">Link zu externer Buchinformation.</a></p>
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		<title>Zwischenland</title>
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		<pubDate>Wed, 31 Dec 1969 23:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>anita</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buch- / Projekt-Beiträge seit 2005]]></category>

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		<description><![CDATA[
Zwischenland (Gemischte Menge)
Anita Hugi, Lodypop &#8220;7/11&#8243;
«Wenn es mal sein muss, bist Du jetzt in fünfzig Schritten in Frankreich», sagte Nicole, als ich hier hinzog. Ich lebe jetzt in Basel, Vater, im Zwischenland. Im Quartier St. Johann, also am Rand der Stadt, am Rand der Schweiz. An einer riesigen Baustelle. Jeden Tag sieht sie anders anders [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-medium wp-image-144" title="Ansicht Faltblatt" src="http://www.anitahugi.net/cms/wp-content/uploads/2010/04/7_Eleven_01-e1271086180315-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" /><img class="alignnone size-medium wp-image-143" src="http://www.anitahugi.net/cms/wp-content/uploads/2010/04/7_Eleven_02-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" /></p>
<p><em>Zwischenland </em>(Gemischte Menge)</p>
<p>Anita Hugi, Lodypop &#8220;7/11&#8243;</p>
<p>«Wenn es mal sein muss, bist Du jetzt in fünfzig Schritten in Frankreich», sagte Nicole, als ich hier hinzog. Ich lebe jetzt in Basel, Vater, im Zwischenland. Im Quartier St. Johann, also am Rand der Stadt, am Rand der Schweiz. An einer riesigen Baustelle. Jeden Tag sieht sie anders anders aus. Boden in Bewegung . Hier gehör ich hin. Das ist mein Boden. Zentrum Europas.</p>
<p>Vielleicht brauche ich, wie andere Anderes, das Angrenzen des Fremden. Den mehrfachen Blick auf das Gleiche. Und wenn wir näher hinschauen, wissen wir: es gibt keine Grenzen. Die Sprachen, in den sogenannten Grenzregionen, sind meist dies- und jenseits der Landesgrenzen eine Mischung aus allen. Es gibt wohl immer nur fliessende Übergänge (Farbschattierungen). Alles Statische, Umgrenzte, ist künstliches Festhalten. Hat je jemand eine Grenze gesehen? Haben nicht wir sie hingestellt? Die Zäune, die Stacheldrähte?<br />
Bei aller Liebe zum Vagen, zum Übergang, zur gemischten Menge, die ich suche und brauche, wie das offene Land, den weiten Horizont, weiss ich um die Gefahr der Verklärung. Deshalb immer wieder, zum Beispiel, Hilde Ziegler (1939-1999) lesen. Etwa Ihre «Kleine Reise».</p>
<p>Und ich bin glücklich hier. (Was für ein Satz. Nie hätte ich mich vorher zu solchem &#8211; Glück &#8211; getraut. Aber. Es stimmt! (Ausrufezeichen. In diesem Fall, sogar. Mut zum Bekenntnis.) Dabei bin ich, ich muss stets alle enttäuschen, die fragen, ohne bestimmten Grund nach Basel gezogen. Keine grosse Liebe, die mich geholt hätte. Das Leben hat mich angezogen. Weil man hier den Prozess lebt vielmehr (gerade auch die Kunstschaffenden), als das Resultat, so scheint mir. Das Suchen (wollen) vielmehr als das Gefunden haben.<br />
Von mir hier gegen das Stadtzentrum hin steht ein altes Tor, das St. Johanntor, und kurz danach gibt es ein Schaufenster &#8211; dort ist Kunst. Was hier zu sehen ist, kein Produkt, sondern Prozess. Lodypop &#8211; steht klein und unten am Schaufenster. Von Lodypop nach Richtung Frankreich / gehend / kommt man, an manchen Tagen, auf den Gemüsemarkt St. Johann, auf dem die Elsässer Bauern ihren Spargel, ihre Kartoffeln, ihre Carottes verkaufen, die sie aus ihrem Land graben. Wie Du damals, Vater. Die Videokünstlerin Sus Zwick hat sie wachsen gehört, vielleicht. Aber sicherlich: wachsen gesehen. Sie hat dem Spargel, den Kohlköpfen, den Karotten zugeschaut, Frühling, Sommer, Winter, Frühling, und ihren Bauern, die im Zwischenland ihr Land bestellen. Seit Jahrhunderten. Aller politischen Wirrnis zum Trotz. Mehr als ein Jahr lang, wenn möglich täglich, hat Sus ihre Runde gedreht. Anstatt ein Zuckerbrot, eine Kamera im Hosensack. Immer ungefähr vom selben Ort hat sie sie eingefangen, die alltäglichen Shifts in der Realität, die unsere Wirklichkeit ausmachen. Als Kontrapunkt zu ihrer Arbeit lud sie als Gast Annelies Strba ein.</p>
<p>Wieviele Bilder hat eine Sekunde? 24 mal 60? Wieviele Bilder ein Jahr? Wieviele Bilder hat eine Kartoffel, die wächst? Wieviel Arbeit, wie viel Zu-Neigung im Spargelgraben braucht es, bis er auf dem Markt liegt? Wieviel Arbeit hatte sie, die Künstlerin, um all die Aufnahmen neben einander, in den Kontext, die Kontinuität zu stellen? Kontemplation. Hat das eigentlich etwas mit Zeit zu tun? Als ich kürzlich eine Karotte aufschnitt, dachte ich wieder einmal: wie viel Schönheit, Zauberhaftigkeit da drin steckt. Vielleicht seid ihr, Vater, ihr Bauern, ein Leben lang näher dran am Geheimnis der Veränderung? Am Leben? Vielleicht suche ich genau das in der urbanen Landschaft? Im Umbruch? Das Versprechen der Veränderung. Täglich?<br />
Hinter dem Gemüsemarkt die pfeilgerade Strasse nach Frankreich, meine Strasse nach Hause. An den Häuserfassaden, graugrau, wachsen an den Regenrinnen Rosen. Vater, das alles hier hat mir mit dir zu tun. (Oder hat je länger je mehr Vieles für mich mit Dir zu tun?) Du warst Bauer, erst. Dann Gemüsehändler, nachts. Bliebst so dem Boden verbunden, als ihr den Hof aufgeben musstet. Du hast Deine Kartoffeln, Salate, Karotten von Biel aus in Neuenburg verkauft, obwohl Du gar nicht gut Französisch konntest. Wieso eigentlich dort? Habe ich meine Sehnsucht gegen Westen &#8211; auf diesen Ausfahrten mit Dir gelernt?</p>
<p>Vater. Du bist jetzt zwölf Jahre tot. Und ein Monat. Einige Tage. Und je länger, je mehr frage ich mich. Wo bist Du? Wo gehen Sie wirklich hin, die Menschen, die tot sind? Kinderfrage. Ja. Ich habe sie mir nie wirklich gestellt. Musste einfach weiter gehen. Die Wut über Deine Krankheit.<br />
Wegstecken. Hätte Dir gerne etwas erzählt, heute, von mir, von hier, vom Zwischenland. Es geht mir gut, zwischen St. Johannstor und dem Hafen. Basel hat, schwarze Anker auf weissen Wegweisern, das Meer in spe. Hab die Ehrfurcht der Karotte in mir. Vater. Du lächelst. Hätte Dir gern gezeigt, was wir gemacht haben aus dem, was Du in uns gepflanzt hast.<br />
Ich kann Dir nicht schreiben, aber ich denk an Dich.</p>
<p>Anita Hugi ist Journalistin und lebt in Basel.</p>
<p>Textbeitrag für: 7/Eleven, Videoschaufenster. Lodypop, Basel. Publiziert im Faltblatt zu 7/11</p>
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